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Brasilien empört sich

Es waren Nächte des Protests in Brasilien. Während der Abendspiele am Donnerstag gingen wieder hunderttausende Menschen auf die Straßen des Landes. Und allein dieser Schritt ist schon bemerkenswert.

In Europa oder in Deutschland kennt man Proteste, ja Krawalle. Man erinnere sich nur an die Nächte um den 1. Mai oder die Proteste in Pariser Vororten. In Europa gehen die Menschen auf die Straße, wenn ihnen etwas nicht passt. In Brasilien ist dies nicht der Fall.

„Wir sind das Volk“ riefen die Bürger der damaligen DDR im Jahr 1989. Die Friedliche Revolution beendete eine Zeit, die noch umstritten, als Diktatur bezeichnet wird. Eine „echte“ Diktatur herrschte in Brasilien der 1960er und 1970er Jahre. Das Militär herrschte über den Südamerikariesen, ging hart mit politisch anders denkenden Menschen um und übte die gleiche Art von Macht aus, wie es jede Diktatur der Welt tat und tut.

Sie arbeitete eng mit den USA zusammen und schuf ebenfalls ein künstliches (von oben verordnetes) Zweiparteiensystem. Die Wirtschaft boomte in dieser Zeit, doch das Parlament wurde beschnitten bzw. 1968 aufgelöst. Die wirtschaftliche Blüte ließ den einen oder anderen Bürger vielleicht über die Einschränkungen der Persönlichkeitsrechte und der freien Presse, die politische Repression, die Folter und die Massenmorde an Indios im Amazonasgebiet hinwegsehen.

Wie auch in Europa herrschten in Brasilien 1968 Studentenunruhen, daher nehme ich dies aus der Aufzählung heraus. Und das war es auch schon. Es gab in Brasilien auch zu Zeiten der Diktatur keine großangelegten Proteste, die die Machthaber in Bedrängnis brachten. Es gab keine Friedliche Revolution oder Arabischen Frühling.

Die Protestkultur, in Deutschland ehemals stark vertreten, ist wenig bis gar nicht in Brasilien vorhanden. Dieser Fakt lässt die Demonstrationen in ein noch viel größeres Licht rücken. Während in Deutschland gegen die Agenda 2010 in Montagsdemos oder gegen Aufmärsche rechtsradikaler Gruppierungen mobilisiert wurde und wird, gehen brasilianische junge Menschen nicht auf die Straße.

Ein Ende einer Diktatur oder das Verändern eines Systems allein durch die Mobilisierung der Massen herbeizuführen ist noch nie dagewesen in Brasilien. In Leipzig und anderen Städten der DDR marschierten Menschen gegen die Repressionen der SED auf. Sie erreichten damals mehr als erwartet, durften die Mauer einreißen und in Freiheit leben. Die Folgen dessen sind hier nicht relevant.

In Brasilien endete die Militärdiktatur schon langsam mit der „Wahl“ des Generals João Baptista de Oliveira Figueiredo im Jahr 1979. Er schraubte die Repressalien deutlich zurück und gab schließlich in Zeiten der wirtschaftlichen Krise aus Mangel an eigenen Optionen aus dem Militärkader auf und erlaubte freie, demokratische Wahlen.

Man möge dies sich ruhig noch einmal zu Gemüte führen: General João Baptista de Oliveira Figueiredo gab aus Mangel an Optionen aus dem Militärkader die Diktatur auf! Nicht, weil die Menschen demonstrierten, was sie ja nun wirklich hätten machen können angesichts der miserablen Lage des Landes damals. Nein, es gab auf gut Deutsch einfach keinen anderen Militär, der die Macht hätte halten können.

Die Diktatur endete, wenn auch der progressive Teil der brasilianischen Kirche etwas Widerstand leistete, freiwillig. Keine Revolution, kein Frühling.

Polizei im Einsatz (Symbolfoto)

Polizei im Einsatz (Symbolfoto)

In diesen Tagen nutzen die Brasilianer die Aufmerksamkeit der Welt, um gegen die Staatsausgaben zu demonstrieren. Verständlich, haben doch die Proteste gegen den Neubau/Umbau des Maracanã oder die „Säuberungen“ der Favelas kaum medialen Anklang in deutschen Medien gefunden.

Die Proteste gab es schon vor einigen Monaten, gewiss kleiner, aber sie waren da. Die Fahrpreiserhöhungen dienten nur als endgültigen Vorwand, auch jetzt auf die Straßen zu gehen.

Die Gründe liegen mit den Ausgaben des Staates noch viel tiefer. In Brasilien bildet sich langsam aber stetig eine Gesellschaft heraus, die tief gespalten zwischen arm und reich ist. Die Regierung Lula hat Großes geleistet, ihre sozialen Programme Bolsa Família und Fome Zero waren ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Dennoch hat der Gewerkschafter Lula eines nicht bekämpft. Die Korruption in Brasilien ist so groß, wie noch nie. Die „Reichen“ beuten das Land aus, die WM und Olympia werden als Prestige-Objekte verschrien.

Der Fußball-Weltverband FIFA versucht sich in den Erklärungen, die Turniere auch in Länder zu vergeben, die die wirtschaftliche Kraft einer Weltmeisterschaft brauchen. Wohin das führen kann beweisen nicht nur die Stadionruinen in Südafrika. Auch wenn mit einer gewissen Planung dies umgangen hätte werden können, so stört es die Menschen, dass die Regierung Milliarden in den Fußball-Topf steckt, unter anderem aber die Bildung der Brasilianer vernachlässigt.

Auf Plakaten war unter anderen auch zu lesen: „Ein Lehrer ist mehr wert als ein Neymar!“ Wenn sie auch ihren neuen Pelé lieben, so sind sich die Brasilianer bewusst, dass Fußball nicht alles ist. Das Bildungssystem liegt zwar nicht brach, ist aber vorsichtig gesagt ausbaufähig. Die Schulen sind oftmals in einem schlechten Zustand, die Lehrer schlecht ausgebildet. Gute Bildung ist auch in Brasilien ein teures Gut.

Das Sozialsystem in Brasilien funktioniert nicht. Zu viele Menschen hungern Tag für Tag, Medikamente und medizinisches Equipment fehlen, die Ausbildung der Ärzte muss verbessert werden.

Es liegt am Staat eine ausreichende Bildung, ein funktionierendes Gesundheitssystem und Arbeitsplätze für seine Bevölkerung zu garantieren. Es sind auch Wähler, wenn man so denken würde, dann gäbe es wohl schon mehr Lehrer, die eine hervorragende Ausbildung genossen hätten oder das eine oder andere besser ausgestattete Krankenhaus.

Brasilien ist auf dem Weg eine Weltmacht zu werden. Die letzten Hürden sind die sozialen Probleme des Landes. Es wird keinen Arabischen Frühling geben, in Brasilien herrscht eine feste Demokratie, die nicht umgestoßen werden wird. Aber die Regierung Rousseff muss auf die Stimmen des Volkes hören und auch ernst nehmen!

Der Abbruch des Confed Cup bzw. der Verlust der WM wäre der Super-Gau. Auch wenn das Land die Weltmeisterschaft nicht gebraucht hätte, so wäre deren Verlust nun falsch. Das muss auch den Demonstranten klar sein. Protest ist wichtig, der Blick nach Brasilien zeigte die faszinierende finale Entwicklung einer noch relativ jungen Demokratie. Die Protestkultur, über Jahre schon fest in europäischen Gefilden verankert, wächst nun auch in dem südamerikanischen Land heran. Eine Demonstrantin sagte am Rande: „Ich bin 26 Jahre als und musste 26 Jahre auf diese Möglichkeit warten, auf die Straße zu gehen.“

Die Proteste können und sollen die Augen öffnen, müssen aber friedlich bleiben. Demonstrieren heißt nicht Gewalt ausüben, Widerstand leisten heißt nicht Steine werfen. Die Leute auf Brasiliens Straßen werden das Turnier nicht verhindern können, aber was viel wichtiger ist, sie können ihr Land verändern!

„Neues schaffen heißt Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt Neues schaffen.“ – dieses Zitat von Stèphane Hessel sagt genau das, was in Brasilien passiert und passieren soll: Brasilien empört sich. Brasilien soll sich verändern.

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Veröffentlicht am 22/06/2013, in Fußball International. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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